Demokratische Legitimation und Expertenwissen stehen nicht im Widerspruch, wenn Verfahren transparent sind und Bürgerinnen und Bürger verstehen können, welche Annahmen in Entscheidungen eingehen.
Eine Kritik an politischer Sachlichkeit lautet: Wer auf Expertenmeinungen verweist, entzieht Entscheidungen dem demokratischen Streit. Expertise würde zur Herrschaft der Fachleute, die Legitimation durch Wahlen umgeht.
Diese Sorge ist ernst zu nehmen — und gleichzeitig falsch adressiert.
Wissenschaftliche Erkenntnisse beantworten Fragen über Zusammenhänge: Wie viel CO₂ verträgt die Atmosphäre? Wie reagieren Investitionen auf Steueränderungen? Was zeigt die Forschung zur Wirksamkeit frühkindlicher Förderung? Diese Fragen sind empirisch. Sie haben Antworten, die durch Methoden überprüft und durch andere Forscher kritisiert werden können.
Was Wissenschaft nicht beantworten kann, sind normative Fragen: Was wollen wir als Gesellschaft? Wie viel Risiko ist zumutbar? Welche Lasten dürfen wir zukünftigen Generationen auferlegen? Diese Fragen sind politisch. Sie gehören in die demokratische Auseinandersetzung — und können durch kein Gutachten entschieden werden.
Der Fehler liegt nicht darin, Expertise einzubeziehen. Der Fehler liegt darin, empirische Fragen mit normativen zu vermischen oder Gutachten als Beschlüsse zu behandeln, statt als eine von mehreren Grundlagen politischer Abwägung.
Damit Expertise die Demokratie stärkt statt zu umgehen, braucht sie Transparenz. Wer hat das Gutachten verfasst? Nach welchen Methoden? Welche Annahmen gehen ein? Gibt es Gegenstimmen in der Fachwelt?
Werden diese Fragen beantwortet, können Bürgerinnen und Bürger die Einschätzungen einordnen. Sie können sachkundig widersprechen — nicht auf Basis von Gefühl, sondern auf Basis des Wissens, welche Prämissen dem Gutachten zugrunde liegen und ob sie diese teilen.
Wir veröffentlichen externe Gutachten vor Beschlüssen, nicht danach. Wir benennen die Annahmen, auf denen unsere Vorschläge beruhen. Wir korrigieren öffentlich, wenn neue Daten unsere Einschätzung verändern.
Das ist keine Schwäche. Es ist die Bedingung dafür, dass Fachwissen demokratische Legitimation stärkt statt zu unterminieren.